Sonntag, 18. November 2007

München, wir hören nix!

Mit staatsmännischen Betroffenheitsminen, seit Joschka Fischer vollens in Mode, werden die Funktionsträger nicht müde den Familienausflug ins Stadion anzupreisen und natürlich die sündhaft teuren Logen lobend zu erwähnen. Unterstützt werden sie dabei insbesondere von der Fernseh-Journalie. Und so kam es, dass der wenn es um brisantere Themen geht in letzter Zeit leicht überfordert wirkende Johannes Baptist Kerner seinen Nebenmann Jürgen Klopp, genannt Kloppo, in der ZDF-Berichterstattung zur EM-Qualifikation am 17.11. eine Lanze für den deutschen Ultra brechen ließ. "Die Jungs", wie der Kloppo gern zu sagen pflegt, die in Italien gerade Rabaz machen, sind seiner Meinung nach Faschisten. In Deutschland hingegen, basteln die Ultras schöne Pappen und Fahnen für die Stimmung in der Arena, meint der Kloppo. Also genau für das, was die Bayern nicht kennen. Und so müssen sich die stimmungsarmen "Kunden von Kalle" und "Gäste von Uli" auf dem Parteitag des FC Bayern München vom werten Uli anschnauzen lassen. Und alles nur, weil sie mal eben kurz fragen wollten, ob sie denn nicht vielleicht auch "Ultras" sein dürfen.

Der "wilde Uli", des is vielleicht ainer. Nun ist es scheinbar nichts neues, dass es in den Arenen immer mehr um Geschäftsessen geht und genau dies könnte zu einem wachsenden Problem werden. Eine der wenigen Ausnahmen bildet hier sicherlich das in der vergangenen Saison von einem Engländer "das Epizentrum der Gänsehaut in Deutschland" beschriebene Frankfurter Stadion. Alan Oliver, der legendäre Fußballreporter des Newcastle Evening Chronicle, schrieb von Newcastles Uefa-Cup-Spiel in Frankfurt: "Heiß wie weißer Dampf war die Atmosphäre, 47.000 Fanatiker, die es mit allem aufnehmen konnten, was Newcastle auf seinen Europareisen erlebt hat und dazu gehören Besuche in Mailands San Siro, Turins Alpenstadion, Barcelonas Camp Nou. Der Lärm machte taub, und, oh Junge, oh Junge, ich hasse die Vorstellung, was passiert wäre, wenn sie ein Eintracht-Tor zu feiern gehabt hätten (vgl. Roland Reng, SZ 03.11.2007)."

Samstag, 17. November 2007

Der Südligenbericht von Catherine Zeta-Bohlen

Vor Sonnenuntergang: Pietät wurde im Südligenbericht selten bis nie groß geschrieben, aber diesmal sollte an dieser Stelle gewartet. Gewartet, bis die Trauerfeier für Gabriele Sandri in Rom vollzogen wurde. Der 26-jährige Lazio-Fan, der sich auf dem Weg zum Auswärtsspiel bei Inter Mailand befand, war auf einem Autobahnrastplatz bei Arezzo von einer Polizeistreife erschossen worden. Diese griff ein, nachdem es zu einer Rangelei zwischen Juve-Anhängern, auf dem Weg zum Auswärtsspiel in Parma, und einigen Laziali gekommen war. Der Schuss traf Gabriele Sandri im Nacken, im Auto sitzend. Der Polizist soll angeblich gezielt geschossen haben, die Waffe mit beiden Händen haltend. Das Spiel Inter-Lazio wurde abgesagt und in Mailand verbündeten sich nach Bekanntwerden des Vorfalls Inter- und Lazio-Fans und griffen eine Polizeiwache an. „Mörder, Mörder“ riefen sie. Gleiches geschah in Rom, Ziel der Attacken waren neben Polizeiwachen das Büro des Nationalen Olympischen Komitees und das Olympiastadion. Die Partie zwischen Atalanta Bergamo und Milan wurde nach einigen Minuten wegen Ausschreitungen abgebrochen, ebenso ein Spiel der dritten Liga. AS Rom-Calgiari wurde ganz abgesagt. Bei den ausgetragenen Partien trugen Spieler und Schiedsrichter Trauerflor. Dass der Spielbetrieb überhaupt aufrecht gehalten wurde, stieß auf Unverständnis. Nach dem Tod eines Polizisten bei Ausschreitungen von Fans in Catania im Februar diesen Jahres war dies noch geschehen. – Zyniker könnten nun sagen: eins zu eins. Im Internet war zu lesen: „Hundert von ihnen für einen von uns.“ – Bei der Trauerfeier am Mittwoch im Rom haben über 2000 Menschen, Fans, Freunde, Spieler und Offizielle, Abschied von Gabriele Sandri genommen, das gesamte Team Lazio Roms war da, ebenso Francesco Totti. Gegen den Polizisten wird mittlerweile wegen Totschlags ermittelt.
Liebes Italia, liebe Fans, wir halten zu euch! (Oh, jetzt gibt’s hier also doch noch Pathos! – „Ist das nicht dieser griechische Käse?“ Nee, Patros heißt der!)
Lange hat sich auch der Südligenbericht an den Zuständen in Italien ergötzt – großer Fußball und gefährliche Fans lassen scheinbar viele Herzen höher schlagen. Nun werden die Fans (zumindest die Kurven) vorerst ausgesperrt und um den Fußball steht’s auch recht schlecht. Einige ausländische Stars, wie Kakà, ließen schon verlautbaren, dass sie unter diesen Umständen nicht mehr gewillt sind, im Kerngebiet des ehemaligen Imperium Romanum zu spielen – was natürlich Raum für Spekulationen lässt: Die ganze Sache könnte nämlich von Real Madrid gesteuert und angezettelt worden sein, damit Kakà endlich in die spanische Kapitale wechselt, denn bisher hatte er sich stets geweigert, bei den weißen Halunken anzuheuern. Vielleicht ist aber nur die Operette, welche die Italiener so gerne spielen, ihnen aus den Händen geglitten – die Fans wollen große und böse Gefühle und erhalten Stadionverbot und die Diaspora der ausländischen Stars. Und die Offiziellen, Fußballbonzen und Politiker, lassen einige Parallelen zum DDR-System erkennen (dort gab es ja ebenfalls ein massives „Fanproblem“) – das Prinzip der organisierten Verantwortungslosigkeit lässt jedes noch so schöne Reich – sei es das Römische, das Reich des Fußballs oder das des spießig-paradiesischen Sozialismus – untergehen. Und das eigentlich immer zu Recht. (Huch, da wird mir aber mächtig mulmig zumute.)
Na ja, zur Not ist sowieso Real Madrid schuld.
Und: „Fun ist ein Stahlbad.“
Und: Bei Feyenoord gegen Ajax gab’s diesmal, letztes Wochenende, gar keine Ausschreitungen. Ach nee, wa!? Paradigmenwechsel, oder was?

Dienstag, 6. November 2007

Der Südligenbericht von Catherine Zeta-Bohlen

Was vom Derby übrig blieb ...:
Eigentlich ein äußerst beknackter, weil ziemlich falscher Einsteiger. Denn vom Derby d’Italia (Juve gegen Inter, manche sagen auch: Inter gegen Juve) bleibt äußerst wenig übrig, genau genommen nichts. Das Ding hieß nämlich Derby d’Italia (Betonung auf ITALIA), weil beide Clubs noch nie aus der Serie A, seit deren Bestehen, abgestiegen waren. Hier liegt wiederum die Betonung auf WAREN. Denn, hihi, Juve durfte letzte Saison ja mal den Duft der Serie B schnuppern, hm, lecker. Trotzdem ging’s am Sonntag hoch her in Turin, vor allem körperlich – das passiert ja beim Fußball hin und wieder. Cruz brachte Inter in der ersten Halbzeit in Front, und versemmelte danach mit seinen Mannschaftskollegen noch einige Chancen, so dass Camoranesi für Juve in der 77. Minute noch den Ausgleich erzielen konnte. – Für so ein Unentschieden ist Milan zur Zeit zu Hause immer zu haben, die Heimbilanz ist für die Rossoneri wahrlich unterirdisch, da konnte bisher auch einer der bestaussehendsten Brillenträger, Kakà, nichts dagegen tun, er wirkt etwas müde. So durfte an diesem Wochenende auch der FC Turin den Mailändern beim Chancenvergeben zuschauen, und fuhr mit einem 0:0 nach Hause. Nun dümpelt Milan weiter auf Rang neun rum und es kann natürlich jederzeit sein, dass Real MadRIP alle brauchbaren Spieler aus dem San Siro wegkauft. Kann aber auch nicht sein (immerhin gab’s ja ein 5:0 für Milan bei Sampdoria Genua unter der Woche). – Auch der Ruhm der römischen Clubs wurde an diesem Wochenende nicht gemehrt. Die Roma führte bereits mit zwei Treffern bei Empoli (Drittletzter), um dann noch zwei Dinger zu kassieren: „Wir nennen es Zweizwei.“ Lazio spielte zu Hause im Olimpico gegen Florenz. Mutu, Florenz’ Stürmer mit Kokainvergangenheit, wurde von einigen Laziali als „Zigeuner“ beschimpft. Mutu stammt aus Rumänien. Lazio verlor mit 0:1.
Mal lauschen, was in der Primera Division so geht. – Rumms, die zweite Niederlage für Real in dieser Saison, alle reinen Herzen schlagen höher. Die weißen Halunken brachten kaum einen vernünftigen Angriff beim FC Sevilla zustande und waren mit dem 0:2 noch gut bedient. Einer der schwächsten auf Seiten der Madrilenen war Metzelder. So etwas in der Art wurde vom Südligenbericht ja schon vor Monaten vorausgesagt (siehe: www.aimofdesign.de/sport.html und www.myspace.com/aimofdesign) – die wollten eigentlich Mertesacker kaufen, kamen aber mit diesen verflixten deutschen Namen durcheinander. Barca (3:0 gegen Betis) und Villarreal (4:3 bei Atletico Madrid – „Wir nennen es torreich.“) sind bis auf einen Punkt dran: „Wir nennen es Hoffnung.“
Südligenbericht-Sonderteil (anstatt einer Literaturbeilage): Ich wittere die große Verschwörung. Der DFB hat sich nur zur Einführung einer eingleisigen Dritten Liga durchgerungen, weil zuvor Folgendes mit dem knauserigen Staat ausgehandelt wurde: durch die Dritte gibt’s mehr Kohle für die Clubs, und dann können die ja auch die Polizeieinsätze bezahlen (auch wenn Herr Niersbach nun so tut, als wäre er furchtbar gegen diesen Vorschlag). Eine riesige Schurkerei also. Bloß weil vorletztes Wochenende ungefähr 1500 Polizisten mit ihren Autos und zwei Hubschrauber ein Spiel der Regionalliga (Dynamo Dresden gegen good old Union) und eins der Landesliga (Dresden II gegen Lok Leipzig) befrieden mussten, wird im Land eine Stimmung kreiert, die jeden Fernsehkommentator beim Anblick von bengalischem Feuer zu Weinkrämpfen provoziert. In unserem funky bunten Land darf die gute, bunte Laune auch beim Fußball nicht fehlen (die Sachsen können von mir aus ihre Polizeieinsätze den Vereinen aufhalsen, hehe), darum startet der Südligenbericht schon wieder eine neue Initiative, in Kooperation mit den Fachverband für den Verkauf von bengalischem Feuer (FVVbF): Dein Stadion soll schöner, bunter und auch etwas verrauchter werden! (Und wenn dann einmal das letzte farbige Feuer in den Stadien der Welt ausgeht, wird Prometheus überaus unglücklich sein.)